
Sexualität thematisieren
Wir verstehen uns als lernendes Netzwerk und arbeiten deshalb kontinuierlich daran, uns in möglichst vielen Bereichen weiterzuentwickeln, um den vielschichtigen Lebensrealitäten unserer Zielgruppen gerecht zu werden.
Der Kern unserer Arbeit ist das Thematisieren von selbstbestimmter Sexualität, sexueller Gesundheit, Schwangerschaft und Elternschaft, Safer Sex und Verhütung, sexueller Vielfalt sowie Liebe und Beziehung. Da diese Themen aus unserer Sicht eng miteinander verknüpft sind, werden sie auch gemeinsam bearbeitet. In allen diesen Themenfeldern vermitteln wir nicht nur Wissen, sondern fördern den Austausch und regen das Nachdenken über Wertevorstellungen und Haltungen an.
Wenn wir mit unseren Zielgruppen über die benannten Themen sprechen, machen wir das mit einer bestimmten Haltung. Denn Sexualität zu thematisieren, bringt viele verschiedene Gedanken und Emotionen mit sich. Für einen wertschätzenden Umgang damit ist unsere Haltung zentral.
Wir verstehen Sexualität als einen Teil der individuellen Persönlichkeit. Die Entwicklung von und die Auseinandersetzung mit Sexualität sind deshalb wichtige Lebensaspekte für alle Menschen.
Bei uns steht im Vordergrund, dass Sexualität mit Lust verbunden ist. Diese Herangehensweise erleichtert unseren Teilnehmenden den Zugang. Wir begegnen den Themen Sexualität und sexuelle Gesundheit also mit einer positiven, lustvollen Haltung – Spaß und Humor sind uns dabei sehr wichtig. Lustfreundlichkeit bedeutet für uns aber nicht Grenzenlosigkeit, denn Konsens und Lust gehören für uns zusammen.
Wir erheben also nicht den Zeigefinger, sondern begegnen unseren Teilnehmenden mit einer offenen Grundhaltung und lassen Raum für selbstbestimmte Vorstellungen von Sexualität, Liebe, Beziehungsformen und eigenem Risikomanagement in Bezug auf HIV/STI, Schwangerschaften und Elternschaft.
Das bedeutet für uns auch, negative Bilder von Scham und Schuld in Bezug auf HIV/STI zu verändern. Uns ist dabei wichtig zu vermitteln, dass sexuell übertragbare Infektionen Teil von sexueller Aktivität sind.
Wir verstehen Sexualität, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Liebe und Beziehung als ein Spektrum, in dem jedes Individuum einen Platz hat. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung sind diese unterschiedlichen Positionierungen mit Bewertungen besetzt. Eine emanzipatorische Sexualpädagogik steht für die Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität jenseits von Klischees und Stereotypen. Wir wollen dafür kritisch auf die verschiedenen Macht- und Differenzverhältnisse blicken und Normen und Stereotype reflektieren, um sie dadurch abbauen zu können. Das bedeutet für uns auch, den Stimmen und Perspektiven, die unterrepräsentiert sind, in unseren Angeboten Raum zu geben.
Ein ganzheitliches Verständnis von Sexualität umfasst für uns weitaus mehr als die körperliche Ebene. Für uns spielen darüber hinaus noch Gefühle, Gedanken, Ängste, Wünsche, Identitäten, Überzeugungen, Wissen und Erfahrungen eine Rolle in der Auseinandersetzung mit Sexualität und sexueller Gesundheit. Wir orientieren uns dabei unter anderem an der Definition der Weltgesundheitsorganisation, die sexuelle Gesundheit nicht ausschließlich als das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen versteht, sondern das körperliche, emotionale, mentale und soziale Wohlbefinden einbezieht.
Außerdem verstehen wir sexuelle Bildung als lebenslanges Lernen. Das Jugendalter ist dabei einer von vielen Abschnitten dieses Lernprozesses, das mit spezifischen Herausforderungen und Bedürfnissen verbunden ist.
Uns ist bewusst, dass alle jungen Menschen unterschiedliche Herausforderungen, Ängste, Wünsche und Bedürfnisse haben, insbesondere wenn es um unsere Themen Sexualität, sexuelle Gesundheit, Safer Sex und Verhütung, sexuelle Vielfalt, sowie Liebe und Beziehung geht. Das bedeutet für uns, die verschiedenen Lebensrealitäten unserer Teilnehmenden wahrzunehmen und in die Arbeitsweise mitaufzunehmen. Das kann sich beispielsweise darauf beziehen, ob und wie unsere Teilnehmenden religiös sind, wie alt sie sind, ob sie Rassismus- oder Antisemitismuserfahrungen machen, wie viel oder wenig Geld sie haben, ob sie chronisch krank sind oder eine Behinderung haben, mit welchem Geschlecht sie sich identifizieren, wie ihr Körper bewertet wird, ob sie Fluchterfahrung haben, wie und wo sie wohnen, ob sie lesbisch, schwul, heterosexuell, bisexuell oder asexuell sind sowie auf viele weitere Lebensrealitäten.
Als sexualpädagogische Fachkraft ist es wichtig, ein Verständnis für verschiedene Diskriminierungsformen wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus, Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit und Behindertenfeindlichkeit, Diskriminierungen von HIV-positiven Menschen, Drogengebrauchende oder Menschen in Haft zu entwickeln und sie erkennen zu können, um sie nicht zu reproduzieren und Diskriminierungen abzubauen. Das bedeutet ebenfalls, unsere Rolle als Fachkraft kontinuierlich zu reflektieren und die eigene Position kritisch zu prüfen. Dazu zählt zu hinterfragen und zu dekonstruieren, welche normierenden Bilder und Stereotype in unserer eigenen Arbeit und Sprache bestehen.
Wir verstehen Diskriminierung nicht als eindimensionales Phänomen, sondern betrachten Diskriminierungsformen ineinandergreifend und somit intersektional.
Darüber hinaus verstehen wir unter einer diskriminierungssensiblen Haltung, dass wir sowohl in konkreten Situationen als auch in gesellschaftlichen und politischen Debatten solidarisch Stellung beziehen und uns zu den Gruppen und Personen positionieren, die von Diskriminierungen betroffen sind.
Um eine selbstbestimmte Sexualität entwickeln zu können, sehen wir eine weitestgehend vorbehaltlose und sanktionsfreie Haltung als grundlegend an. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, keine Zuschreibungen in moralisierende Kategorien wie zum Beispiel „richtig“ oder „falsch“, „eklig“ oder „annehmbar“ vorzunehmen, wenn wir mit unseren Zielgruppen über unsere Themen sprechen. Wir haben kein vorgeschriebenes oder messbares Lernziel, welchen Stellenwert Sexualität für junge Menschen einnehmen muss.
Bei der Entwicklung einer selbstbestimmten Sexualität und des eigenen Risikomanagements, ist das Formulieren der eigenen Grenzen und Bedürfnisse sowie das Erkennen der Grenzen und Bedürfnisse anderer zentral. Wir stehen dafür ein, dass Grenzen untereinander respektiert werden und vermitteln, dass Sexualität den Konsens aller Beteiligten voraussetzt. Neben den persönlichen Grenzen berücksichtigen wir in unseren Angeboten auch rechtliche Grenzen und sprechen sie im Bedarfsfall an, zum Beispiel bei dem Thema Sexualität in den Medien und sexualisierte Gewalt.